Nundle Sheep Station

Nundle, Hunter Valley und ziemlich viel Nichts

Die erste Nacht außerhalb Sydneys verbringen wir auf einer rund 400 km entfernten Schaffarm in Nundle. Der Weg hierher führt uns durch die bekannte Weinregion Hunter Valley.

Es ist 6:30h und ich stehe mit meinem Backpack auf dem Rücken und ein paar Früchten in der Hand vor dem Hostel, um die erste Etappe meiner Tour durch Australien anzugehen. Der Start ist bewusst früh, um nicht dem Berufsverkehr zu erliegen und weil die Strecke eben kein Katzensprung ist, da alle Städte in Australien eben großzügig über den Kontinent verteilt sind. Ich bekomme einen Platz am Fenster und schon gleich fängt der aufgedrehte Fahrer an, wir sollen alle unsere Namen an die Fenster schreiben. Eigentlich eine kommunikative Idee, die ich gerne nach Deutschland exportiere und auf die Reaktion bei der Deutschen Bahn gespannt bin.

Nun beginnt die Tour, raus aus dem großen Sydney. Nach und nach werden die Häuser kleiner, bis nach rund 30 Minuten weder Vorstädte, noch Häuser zu sehen sind. Es gibt nur noch die Straße, Bäume und Wiesen. Unwirklich, dass wir gerade noch in einer Millionenmetropole waren. Es sind zwei Stunden Fahrt geschafft und plötzlich halten wir an einem unscheinbaren Haus, ein Stück ab der Straße. Es trägt die Aufschrift „The Crossing – Art gallery“. Ich weiß nicht wo wir sind, ich weiß nicht wieso hier ein Laden steht und schon gar nicht wie er sich halten kann.

Dieser Laden soll den besten Kaffee in der Gegend haben – nicht schwer, mindestens seit einer Stunde fuhren wir durch nahezu unbewohntes Gebiet. Ich gebe ihm eine Chance, immerhin bin ich gerade hier und ein ehrlicher Kaffee aus der Region ist noch immer besser als der einer großen Kette. Wie sagt man so schön? When in Rome.

Meine erste Skepsis und der Gedanke an meine Nacht mit den Schafen wich beim Schritt über die Schwelle. Diese Art Gallery scheint die Bleibe eines ewigen Junggesellen zu sein, der es sich dort muckelig eingerichtet hat. Platten von Sir James Paul McCartney, über Neil Diamond, hin zu Johnny Cash hängen an den Wänden und werden abgespielt. Als hinge meine Spotify-Playlist an der Wand. Auch sonst hängen die Wände voll mit skurrilen Dingen und interessante Gegenstände stehen überall herum. Ein irgendwie geordnetes Chaos, an dem man sich gern jedes Detail angucken würde. Geht aber nicht, der Bus fährt weiter und so muss ich das Spielzimmer für Erwachsene bereits verlassen, noch bevor ich über meinen Einzug verhandeln konnte.

Weinprobe im Hunter Valley

Mal wieder im Nichts fahren wir von der Straße ab. Diesmal lässt sich erahnen wo wir sind, schließlich sind wir umgeben von Weinreben. Es handelt sich um den Weinproduzenten Tyrrell’s Wines im Hunter Valley. Einer Region, in der der Weinanbau wirtschaftlich am bedeutsamsten ist. Das Hunter Valley gehört neben dem Barossa Valley zu den wichtigsten Anbaugebieten Australiens, vor allem wegen des Sémillons.

Kaum hält unser Bus, schon springt eine Frau auf uns zu und begrüßt uns, als hätte sie ihr Leben lang nur auf uns gewartet. Hat sie vielleicht auch, ich will es nicht ausschließen. Wir bekommen eine Führung durch Weinkeller, die Produktion und es wird ganz genau erklärt, dass Wein nicht aus Wasser, sondern aus Trauben gemacht wird. Die wachsen direkt vor der Tür. Das schauen wir uns natürlich auch an, aber nicht ohne den Hinweis, dass dort Schlangen lauern können. Und schon waren da wieder meine beiden Ängste: eine Nacht zwischen Schafen und eine Schlange, die mich besonders herzlich begrüßen möchte.

Wir schauen uns die Reben auf einem Berg, in einer malerischen Landschaft an, aber Schlangen lauern hier keine, auch keine Spinnen und auch keine Aga-Frösche. Alle warnten mich und nicht mal hier in der Natur läuft mir was über den Weg. Ja, ich bin froh darüber und ja, ich bin enttäuscht darüber. Ich denke nicht weiter über die Tiere nach, denn jetzt kommt der angenehme Teil, man möchte uns die Weine präsentieren. 11 Uhr ist sonst nicht unbedingt die Zeit, zu der ich sonst Wein trinke, aber auch hier kommt die Weisheit „When in Rome“ zum Einsatz und wenn ich eins von Asterix gelernt habe, dann dass man in Rom immer Wein trinken kann. Cheers!

Ich lerne schnell, Weinprobe heißt hier Storytelling und das kenne ich von meinem Job, das macht man wenn man etwas verkaufen möchte. Es fängt an mit einer Vorstellung der Familiengeschichte und endet in einer Erklärung, wieso Wein in Australien angebaut wurde; schnippisch lautet sie, das ging nach der Schule am einfachsten. Große Geschichten – kleine Weine. Wer an der Mosel bereits eine Weinprobe besuchte und nicht gehen dürfte, ohne eine Geschichte zu selbst dem Wein aus der letzten Ecke zu hören, durfte hier nicht mal selbst nachschenken. Es ist ok, der Tag ist noch lang und wir steigen wieder in den Bus, natürlich nicht ohne das Angebot für unsere so nette Gruppe zu bekommen: „Jede Flasche nur 10$ (7 Euro)“. Bereitwillig schlagen alle zu, denn wir sind ja tatsächlich eine nette Gruppe.

Zur Mittagszeit halten wir in Singleton. Nie gehört? Das ist die Stadt mit der größten Sonnenuhr der Südhalbkugel. Wow! 21.000 Einwohner, die eine vom Kohletagebau geschenkten Sonnenuhr feiern. Wie liebe ich dieses Land, wo man sich über alles freuen kann. Wir essen in einer Mall und ich freue mich über WiFi, wobei es in Deutschland gerade 3h in der Nacht ist. Trotzdem schön ein paar Nachrichten zu empfangen.

Nundle Sheep Station

Wir sind am Ziel unserer ersten Etappe. Weltstadt Nundle mit ihrer Sheep Station, auf der Touristen bereitwillig gezeigt wird, wie es auf einer wirklichen Schaffarm läuft. Ein Schäfer zeigt in aller Ruhe, wie man ein Schaf schert. Das arme Tier tut mir so unendlich leid, als würde man es jetzt zu einer Schlachtbank bringen. Wie kann man nur … und dafür bekommt er pro Stück auch noch zwei Dollar im normalen Leben. Nun dürfen Freiwillige testen. Gerade noch habe ich mit dem Tier gelitten und schon will ich es auch probieren. Fühlt sich schon doof an, dieses arme Tier förmlich in der Hand zu haben, trotzdem herrscht immer der Respekt, es könne gleich durchdrehen und mir auf meinen FlipFlops La Paloma tanzen.

Die Lämmerchen sind nackig geschoren und wir bekommen unser verdientes Abendessen. Es gibt gefülltes Hähnchen, Salate und Brot – so lässt es sich leben. Wir sitzen noch lange auf der Terrasse und bewundern den klaren Sternenhimmel. Nando ist schön, hier stört einen nichts. Bis plötzlich jemand von der Toilette kommt und von einer Rotrückenspinne berichtet. Ich würde die Spinne gern sofort googeln, aber mein Handy hat kein Netz. Es muss ein schreckliches Tier sein. Es wird kein schlimmeres Tier auf diesem Planeten geben und es ist hier, um mich zu beißen. Das ist klar. Den Australiern ist nur klar, dass wir diese Toilette nicht mehr betreten sollen und damit ist das Problem vom Tisch. Für mich irgendwie auch, ich gehe in unser 10er-Zimmer und versuche zu schlafen, hier gibt es immerhin Netze vor Türen und Fenstern, was soll hier schon passieren. Trotzdem schaue ich unter Decke, Kissen und auch unter die Matratze, man weiß ja nie.

Die Fakten zu Nundle

Nundle ist eine Stadt, rund 400 km nördlich von Sydney, die viel zu bieten hat. Sie hat einen Wohnwagenpark, einen Einkaufsladen, eine Bar, eine Post, einen Golf und Bowling Club, einen Tennis Club mit synthetischen Tennisplätzen, eine Bücherei und ein paar Einwohner, 142 Männer und 147 Frauen. Das ist Nundle oder wie ich es nenne, die Stadt mit der einzigen Post, in der man nicht anstehen muss. Weitere Infos in der Wikipedia.

Eindrücke der Strecke nach Nundle

Es gibt Dinge, die gibt es einfach gar nicht. Straßen über km und km, wo so vereinzelt Häuser auftauchen, wie bei uns ganze Städte. Es ist wunderbar dies zu sehen und die Eigenarten der Menschen. Mein Highlight ist ein Dreisitzsofa auf einer Veranda, bei dem das Mittelstück rausgetrennt wurde, um hier einen Tisch zu platzieren. Echt? Ja! Haben diese Menschen ein Rad ab? Nein, sie sind pragmatisch. 5 Stunden in einem Bus lassen viel Zeit zur Reflektion. Viel über mich nachgedacht, viel auf mich wirken lassen. Erkenntnis des Tages: Die Welt ist schön.

 

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